Die Klassiker der Bildung

Seitdem es den Menschen gibt, bildet er sich auf die eine oder andere Art. Heutzutage ist die Bildung eines Menschen eines der wichtigsten Kriterien seiner individuellen Lebens- ob Allgemeinbildung oder Berufsausbildung, Weiterbildung oder Studium. Die Bildung gehört nicht nur für den Beruf zum festen Bestandteil des Lebens. Daher ist die richtige Bildung fundamental. 

Auch in der Bildungswissenschaft erfinden wir das Rad nicht neu. Es gibt viele brauchbare Gedanken aus anderen Epochen, die immer wieder gern betrachtet werden, um sie auf ihre Nützlichkeit zu überprüfen. Sehr viele gute Ideen stammen aus den Bildungstheorien des Neuhumanismus, die man auch "klassische Bildungstheorien" nennt. 

Die klassischen Bildungstheorien entstammen aus einer Zeit zwischen 1770 und 1830. Es war die Zeit in der die Feudalherrschaft abgelegt wurde, die Kirche ihre Allmacht verlor und die Industrialisierung in Europa entstand. Vor allem aber löste sich der Mensch schrittweise von der Abhängigkeit des Staates und des Klerus, zu einem selbstbestimmten Wesen. Es entwickelte sich eine Ablösung der Idee der Theokratie (Gott herrscht über die Welt) zur Anthropokratie (Mensch als Herrscher der Welt). So sagte Johann G. HERDER: Der Mensch ist der erste Freigelassene der Schöpfung.

In der Epoche des philosophisch- pädagogischen Idealismus wurde der Bildungsbegriff zu einem zentralen Instrument der Pädagogik. Hier möchte ich einige bekannte Interpreten der klassischen Bildungstheorien vorstellen und ihre Bildungsansätze diskutieren.


Immanuel KANT (1724-1804)

Immanuel KANT

Immanuel KANT 

Einer der wichtigsten Vertreter dieser Zeit war KANT. Genau genommen war KANT gar kein Pädagoge. Doch die Pädagogik gehörte damals zur Philosophie. Deshalb hielt KANT auch Vorlesungen zum Thema Erziehung. Mit seinem Aufsatz Was ist Aufklärung machte er den Menschen zu einem Selbstdenkenden und Selbsthandelnden Wesen. Nach seiner Erkenntnis soll sich der Mensch durch Bildung aus seiner Unmündigkeit befreien. Sämtliche Bevormundung sowohl vom Staat als auch von der Kirche, sollten durch eine selbsterschaffene Emanzipation aufgehoben werden. Sich selbst besser machen, sich selbst kultivieren, und, wenn er böse ist, Moralität bei sich hervorbringen, das soll der Mensch.¹ Nach KANT soll sich der Mensch durch Bildung und Erziehung kultivieren, denn anders ist der Mensch nicht als Mensch anzusehen. KANT ging selbst mehr auf den Begriff der Erziehung als auf die Bildung ein. Aber er bezeichnete das menschliche Vorgehen zur Emanzipation, auch als "sich bilden" oder "Bildung". Heutzutage gehen wir vermehrt von dem Begriff der Bildung aus.

Bildung wird also verstanden als Befähigung zur vernünftigen Selbstbestimmung, die die Emanzipation von Fremdbestimmungen voraussetzt oder einschließt, als Befähigung zur Autonomie, zur Freiheit eigenen Denkens und eigener moralischer Entscheidungen.²


Wilhelm von HUMBOLDT (1767-1835)

Wilhelm von HUMBOLDT

Wilhelm von HUMBOLDT

KANT formulierte, dass der Mensch durch die Erziehung zum eigentlichen Menschen wird.  (Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht)³. Von HUMBOLDT geht hingegen direkt auf den Bildungsbegriff ein. Bildung ist Selbstvollzug, genauer: Selbstbestimmung des Menschen, während dieser in der Erziehung ebenso in der Gesetzgebung und objektiver Religion einer Fremdbestimmung unterliegt.⁴  Der Ausgangspunkt nach dem Konzept von von HUMBOLDT ist der Mensch selbst. Diese Ansicht gab es auch schon in der Antike. Daher spricht man heute auch von einer neuhumanistischen Betrachtungsweise. Individualität als Werk meiner selbst⁵, ist die Zusammenfassung von von HUMBOLDT´s Sichtweise. 

Man könnte von HUMBOLDT jetzt eine egozentrische Theorie vorwerfen. Da die Bildung nicht von außen, sondern vom Schüler selbst ausgehen soll, aus dem Blickwinkel des "ich lerne nur für mich selbst". Doch hat sein Bildungsentwurf kein egozentrisches Weltbild an sich. Im Gegenteil, von HUMBOLDT war nahezu unwiderlegbar ein Neuhumanist. Das Glück und Wohlergehen des einzelnen Menschen und der Gesellschaft bilden den höchsten Wert, an dem sich jedes Handeln orientieren soll⁶, so ein wichtiger Grundsatz des Humanismus. Der Mensch bildet sich erst dadurch, dass es eine Außenwelt gibt. Aus der dargebotenen Welt, soll sich der Mensch sein Wissen aneignen. Aus seiner objektiven Vielheit (der ganzen Dinge der Welt), soll er seine subjektive Allheit (aus der Einzelsicht) erwerben. 

Allerdings lernt der Schüler bei von HUMBOLDT nicht für die Gesellschaft. Bildungstechnisch gesehen hätte von HUMBOLDT entschieden bei John F. Kennedy Satz protestiert Frage nicht was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst⁷. 

Von HUMBOLDT ging soweit, dass er die Allgemeinbildung von der beruflichen Bildung völlig getrennt haben wollte. Damit liegt er allerdings bildungswissenschaftlich auf einen Irrweg. Es fällt dem Lernenden schwer, zwei unterschiedliche und getrennte Bildungsstufen zu lernen. Heutzutage kann man es als bewiesen ansehen, dass ein interdisziplinäreres Lernen effektivere Lernergebnisse erbringt. 

Als anschauliches Beispiel betrachtet, kann man Biologie, Chemie und Physik getrennt von einander unterrichten und die Lernenden sehen auch kaum Bezugspunkte unter den Fächern. Bringt man den Lernenden fächerübergreifende Inhalte bei, so lernt er das Dinge mit einander in der Natur verbunden sind. Es gibt nicht nur die Biologie oder nur die Physik. Das wird den Schüler/innen beim interdisziplinären Lernen verdeutlicht. Gleiches gilt für die Unterscheidung von Allgemeinbildung und Berufsbildung, sie sind miteinander verbunden. Die Berufsbildung ist auf die Allgemeinbildung angewiesen und auch umgekehrt. Das heißt, ab der 7. Schulklasse können und müssen bestimmte berufliche Erkenntnisse vermittelt werden, so die Meinung der meisten Bildungswissenschaftler heutzutage. 

Allerdings ist von HUMBOLDT kein Vorwurf zu machen. Zu seiner Zeit wurden Kinder in Industrieschulen, aber auch auf Bauernhöfen vor allem körperlich ausgenutzt, zum Wohle des industriellen Unternehmers und des Staates. Aus dem Grund, hat von HUMBOLDT eine andere Absicht mit der Trennung der Bildungsinstanzen als wir es heute sehen. Er war einer der die Kinderarbeit richtigerweise zum Verbot erklärte.


Johann Heinrich PESTALOZZI (1764-1827)

Johann Heinrich Pestalozzi

Johann Heinrich PESTALOZZI

Auch Johann PESTALOZZI steht zwischen dem Bildungs- und Erziehungsbegriff. Mit der Aussage: Lernet doch, arme Menschen! Lernet euch selbst versorgen, es versorgt euch niemand, macht sich PESTALOZZI vor allem für die Armenerziehung stark. Bei der Bekämpfung der Kinderarmut und der Chancenungleichheit ist die Bundesrepublik einer Studie zufolge immer noch mittelmäßig.⁸ Damit sprach PESTALOZZI ein Problem auch unserer Zeit an und hat somit weiter gedacht, als alle anderen Vertreter seiner Zeit. 

Während sich aus KANT´s Erkenntnissen das Bildungsbürgertum angesprochen fühlte, kam die Erkenntnis der KANTschen Aufklärung nicht einmal zu den armen Menschen. Von HUMBOLDT ging zwar von einer Allgemeinbildung für alle aus, allerdings die Umsetzung dauerte viele Jahrzehnte. Ob die Allgemeinbildung für alle in Deutschland Lebenden heutzutage verwirklicht ist, darf bezweifelt werden. Denn auch in Deutschland gibt es noch Analphabeten oder Menschen mit anderen Defiziten in der Allgemeinbildung.

Ich möchte den Gedanken mit Wolfgang KLAFKI beenden der sagte: Kritisch weitergedacht und auf die pädagogischen Aufgaben unserer Gegenwart und der vermutlichen Zukunft bezogen, erweisen sich die Perspektiven, die die klassischen Bildungstheoretiker, dem pädagogischen Denken eröffnet haben, in überraschend hohem Maß als nach wie vor bedeutsam und richtungsweisend.⁹




Schlüsselworte der klassischen Bildungstheorie: Selbsttätigkeit, Selbstbestimmung, Autonomie, Emanzipation, Freiheit, Mündigkeit, Vernunft, Schleiermache hermeneutischer Zirkel


 http://www.textlog.de/32838.html 04.01.2011

2 Wolfgang Klafki, Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik, Seite19

http://www.steirische-berichte.at/archiv1/stb011/stb01115.htm

4 Winfried Böhm, Geschichte der Pädagogik, Seite 91

http://www.heilkundigepsychotherapie.com/Bildung-Paedagogik-Berlin/von-humboldt-und-seine-bildung.html 04.01.2011

http://de.wikipedia.org/wiki/Humanismus 04.01.2011

http://www.steirische-berichte.at/archiv1/stb011/stb01115.htm 04.01.2011

http://www.zitate-online.de/sprueche/politiker/16886/frage-nicht-was-dein-land-fuer-dich-tun-kann.html 04.01.2011

http://www.focus.de/schule/familie/soziale-gerechtigkeit-deutschland-hinkt-hinterher_aid_586648.html 03.01.2011

9 Wolfgang Klafki, Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik, Seite 10



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